Miteinander

Friederike Raum-Blöcher, Beauftragte für christlich-islamische Fragen der evangelischen Kirche, und Melih Dirik, Sprecher der islamischen Gemeinden in Wilhelmsburg, über ihre Zusammenarbeit in der „Welt der Religionen“:

Die igs 2013-Arbeitsgruppe „Welt der Religionen“ knüpft an eine langjährige Tradition der interreligiösen Gespräche in Wilhelmsburg an.

Friederike Raum-Blöcher (RB): Als Pastorin in der Kirchengemeinde Kirchdorf arbeite ich seit 1996 als Verständigungsbeauftragte für den christlichmuslimischen Dialog. Alle zwei Monate treffen sich die Wilhelmsburger Imame und Pastoren und erarbeiten gemeinsam Themen.

Melih Dirik (MD): Vor gut 25 Jahren gründete ich gemeinsam mit Pastor Hildebrandt Henatsch von der Emmauskirche die Arbeitsgruppe „Zusammenleben“, in der sich Christen und Muslime gegenseitig in ihren Gotteshäusern besuchen.

Sie treffen sich regelmäßig mit rund dreißig Gläubigen in der Kapelle im Park. Kommt es da nicht zu Missverständnissen oder gar Konflikten?

RB: Nein. Wir gehen sehr achtsam miteinander um und verfolgen ein gemeinsames Ziel.

MD: Zwischen Bibel und Koran gibt es fast achtzig Prozent Gemeinsamkeiten: Die zehn Gebote beispielsweise oder die Geschichte von Abraham. Da wollen wir uns nicht um die letzten zwanzig Prozent streiten.

Welche Wünsche verbinden Sie mit dem Garten der Religionen?

RB: Ich wünsche mir, dass wir darin vor, während und nach der Gartenschau zusammen essen und feiern können, dass wir achtsam mit den Gebeten anderer umgehen und unsere Räume gegenseitig schützen. Dass wir gemeinsam Andachten abhalten können, in denen sich der eine verneigt, der andere bekreuzigt oder wäscht oder ein Räucherstäbchen entzündet als Zeichen seiner Spiritualität. Dass die „Welt der Religionen“ zu einem Symbol wird für die versöhnte Verschiedenheit aller Gläubigen.

MD: Wir möchten Vorurteile abbauen. Der Garten soll weit über Wilhelmsburg hinausstrahlen und zugleich vor unserer Haustür Frieden schaff en. Das verlangt nicht zuletzt unsere Religion. Ein Moslem muss in seiner Nachbarschaft auf vierzig Häuser achten: nach links und nach rechts, nach oben und nach unten. Wenn dort irgendwo ein armer Mensch lebt, ist derjenige Nachbar, der dem Armen nicht hilft, kein guter Moslem. Das haben wir von klein auf so gelernt. Wenn jeder Mensch danach leben würde, hätten wir in Wilhelmsburg weniger Probleme.

Was ist aus Ihrer Sicht das Gemeinsame an Ihrem Garten?

MD: Alle Religionen preisen die Natur als Geschenk und Schöpfung Gottes. Im Islam heißt es: Wenn du morgen sterben musst, pflanze noch einen Baum, damit er Früchte trage und die Menschen erfreue. Dann hast du eine gute Tat getan, die Gott belohnen wird. 

Ist die "Welt der Religionen" eine gute Tat, die Gott belohnen wird?

Beide: Ja!