igs 2013

Interview

Interview mit Heiner Baumgarten, dem Geschäftsführer der internationalen gartenschau hamburg 2013 gmbh

Heiner Baumgarten

F: Herr Baumgarten, Hamburg wird 2013 Austragungsort einer Internationalen Gartenschau sein, deren Schwerpunkt auf Wilhelmsburg liegt. Wird sich das Warten lohnen, und was werden die Menschen auf der Elbinsel sehen können?

HB: Das Warten lohnt sich in jedem Fall. 2013 wird nach 40 Jahren Pause erneut eine Gartenschau in Hamburg Millionen von Besuchern mit einem farbigen, duftenden Blütenmeer begeistern, aber die Schau wird mehr sein als „tausend Blumen einen Sommer lang“. Im Mittelpunkt steht der Aufbau eines Volksparks des 21. Jahrhunderts für Hamburg und Wilhelmsburg. Die aktuellen Themen Sport, Erholung, Freizeit und die Schaffung von Begegnungsräumen – stets unter Einbeziehung der zahlreichen Kleingartenanlagen – werden dabei besonders berücksichtigt.

F: ...das Motto könnte also Fitness und Entspannung im Blumenmeer sein?

HB: Das ist noch nicht alles. Mit dem Wettbewerbsergebnis – einem Entwurf von rmp Landschaftsarchitekten – Stephan Lenzen – wurde das Motto „In 80 Gärten um die Welt“ zur Grundlage der weiteren Planung. Die Idee reagiert damit auf die ausgeprägte Internationalität des Stadtteils und auf dessen Lage innerhalb der Stadt Hamburg und zum Hafen. Die Stichworte „Zusammen-wachsen“, „Zusammen-leben“ oder „Begegnungen der Kulturen“ beschreiben den Anspruch dieses Projektes für die Entwicklung neuer, interkultureller Stadtgesellschaften. Das Projekt „igs 2013 – Volkspark des 21. Jahrhunderts“ soll damit Tendenzen der demographischen Entwicklung aufnehmen und in die Freiraumentwicklung moderner Großstädte übersetzen. Die „Internationale Stadtgesellschaft“ bzw. die „Interkulturelle Stadtkultur“ wird eine Kernaufgabe der Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert sein und insbesondere Anforderungen an die Freiraumkultur und die Freiraumgestaltung stellen. Große Parkanlagen – unsere „Volksparke des 21. Jahrhunderts“ – können und müssen auf diese Anforderungen reagieren. Die igs 2013 verfolgt deshalb das Ziel, in Hamburg ein wegweisendes Beispiel für einen Volkspark neuen Typs im Rahmen der Gartenschau zu präsentieren. Hierzu gehören insbesondere die Auseinandersetzung mit aktuellen Tendenzen im Freizeitsport und das ausgeprägte Bewusstsein im Bereich der Gesundheitsprävention durch Bewegung im Freien.




F: ... das klingt sehr vielseitig, allerdings nicht unbedingt nach Blumen...

HB: Es wird natürlich auch Schaugärten und die beliebten Leistungsschauen der Pflanzenzüchter geben. Das Motto „In 80 Gärten um die Welt“ bietet sich außerdem dazu an, Kooperationen mit Städten, Botanischen Gärten und Parks auf allen Kontinenten einzugehen. Das ermöglicht dann den virtuellen Besuch von Gärten und das Reisen in ferne Länder per Webcam und Videolink.

F: ...da kommen neben Naturfreunden dann auch Technikfreaks auf ihre Kosten.

HB: Ja, die igs 2013 wird für alle etwas bieten.

F: Bisher haben die Gartenschauen in Hamburg immer in und um die Wallanlagen und Planten un Blomen stattgefunden. Warum gehen Sie nun nach Wilhelmsburg?

HB: 1869 fand die erste Internationale Gartenbauausstellung in Hamburg statt. Es folgten weitere sechs Schauen in der Hansestadt, durch die „Grüne Oasen“ entstanden, die noch heute das Stadtbild prägen und Hamburg den Namen „Grüne Stadt am Wasser“ einbrachten. Es war jedoch Zeit, einen neuen Standort zu wählen. Wilhelmsburg bot sich an, weil die igs 2013 das Potenzial dieser Insel als citynahen, grünen und lebendigen Stadtteil mit einzigartigem Ambiente erkannt hat und stärken wird.

F: Wie soll das geschehen?

HB: Das zentrale Projekt der igs 2013 ist der Bau eines neuen Volksparks in der Wilhelmsburger Mitte, um die drei bisher nicht verbundenen und in ihrer räumlichen wie sozialen Struktur sehr unterschiedlichen Siedlungsräume des Stadtteils zusammen zu führen. Darüber hinaus soll damit das Image Wilhelmsburgs in eine positive Vision für den Stadtteil gewandelt werden. Bisher ist Wilhelmsburg für viele geprägt vom Hafen, von Verkehr, Industrie, dem Müllberg Georgswerder und ähnlichem. Mithilfe der igs 2013 und der IBA können die positiven und spannenden Seiten des Stadtteils herausgearbeitet werden: Wilhelmsburg ist ein internationaler, interkultureller, liebens- und lebenswerter Stadtteil. Es bedeutet Wohnen auf der Insel inmitten der Kulturlandschaft, also Freizeit, Erholung, Urlaub, Lebensqualität direkt vor der Haustür – und das alles mitten in der Großstadt.



F: ...das klingt nach einem attraktiven Wohnort.

HB: Viele Hamburger waren noch nie in Wilhelmsburg, es gilt „vom Durchfahren zum Ankommen“ im Stadtteil zu gelangen. Dafür werden Orte für Begegnung und Kommunikation benötigt. Der neue Volkspark wird mit der „Neuen Mitte“ dieses Image fördern. Wo andernorts häufig Einkaufszentren und Verkehrsknoten den Mittelpunkt eines Stadtteils bilden, wird in Wilhelmsburg die grüne Mitte als interkultureller Treffpunkt die Lebensqualität nachhaltig verbessern. Aber es wird sich nicht auf den 100 Hektar großen Park in Wilhelmsburg beschränken. Grüne Verbindungen und Partnerschaften werden in die ganze Stadt sowie in die Metropolregion geknüpft – die igs 2013 soll zum Impulsgeber weit über die Grenzen der Elbinsel hinaus werden.

F: Sie haben sich für 2013 also viel vorgenommen. Wird es denn schon vorher etwas zu sehen geben?

HB: Es gibt schon jetzt erste Ergebnisse. Im Sommer 2007 wurde mit Hilfe der igs 2013 eine denkmalgeschützte, aber ungenutzte Kapelle auf dem ehemaligen Friedhof Mengestraße als Veranstaltungs- und Ausstellungsgebäude umgestaltet. Kurz darauf fand erstmals das Fest „Sommer im Park“ in Wilhelmsburg statt. Es handelt sich hierbei um ein jährlich wiederkehrendes Ereignis, dass bis 2013 in verschiedenen Stadtteilen gastiert und sich schon jetzt großer Beliebtheit erfreut.

F: ... und sie haben auch schon gepflanzt...

HB: Ja, im Park der Vereinten Nationen fanden bereits zwei Pflanzaktion statt, die gut zum Motto „In 80 Gärten um die Welt“ und zur Internationalität Hamburgs und Wilhelmsburgs passen. In Wilhelmsburg leben Menschen aus fast 40 Ländern dieser Erde. Und Hamburg hat eine große Bedeutung als Konsulatsstandort. Insgesamt sind in der Hansestadt 103 Nationen konsularisch vertreten. Damit ist Hamburg der größte Konsulatsstandort Europas und der drittgrößte der Welt. Zur Eröffnung der internationalen gartenschau sollen alle in Hamburg vertretenen Konsulate in diesem Park einen Baum gepflanzt und so einen „Park der Vereinten Nationen“ geschaffen haben, um zu zeigen wie verwurzelt sie in der Hansestadt sind. Der Park der Vereinten Nationen steht symbolisch für das friedliche Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und Nationen.



F: Das sind also schon erste Maßnahmen für die igs 2013.

HB: Richtig. Darüber hinaus gab es aber auch temporäre Aktionen, wie zum Beispiel die „Pflanzendialoge“, Kunstinstallationen, die spielerisch mit dem Thema umgehen. Aber es finden auch soziale, internationale Projekte statt, wie das der Entwicklungspartnerschaft „Zug um Zug“, wo es um Qualifizierung und Ausbildung in der Wohnumfeldverbesserung ging. Besonders wichtig ist uns die Einbindung der Bevölkerung, z. B. durch das „Stadtmodell der Kinder“ und die regelmäßigen Dialoge mit Kleingärtnern in neun Vereinen mit 850 Kleingartenparzellen.

F: Manch einer wird sich denken, dass dies viel Aufwand für nur wenige Monate ist. Bleibt Hamburg denn etwas Dauerhaftes erhalten?


HB: Das wichtigste Ziel ist die Schaffung dauerhafter Werte für Wilhelmsburg, Hamburg und das Umland. Der neue Park in der Wilhelmsburger Mitte wird nach 2013 seine volle Bedeutung als Volkspark erhalten. Die gesamte igs 2013 und die IBA sind auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Die städtebaulichen und landschaftsplanerischen Projekte, ebenso wie die sozialen, kulturellen und Bildungsprojekte werden entscheidende Impulse für eine nachhaltige Stadtteilentwicklung geben. Eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung braucht attraktive, vielfältige Parks und Freiräume, um den Interessen und Bedürfnissen der Stadtbewohner und -besucher Rechnung zu tragen. Städte werden von ihren Bewohnern – aber insbesondere auch von Touristen – primär über ihre Freiräume, die unbebauten Strukturen der Stadt, wahrgenommen.

F: ...und wie greifen IBA und igs 2013 ineinander?

HB: Es geht auch um Konzepte zum Leben in, an und auf dem Wasser. Die Uferlinien werden zu grünen Oasen für Tier, Pflanze und Mensch ausgestaltet, die zum Erholen und Flanieren einladen. Die parallel stattfindende erste Internationale Bauausstellung auf Hamburger Boden stellt sich den aktuellen Fragen der Metropolenentwicklung und sucht modellhafte Lösungen für das Zusammenleben einer internationalen Stadtgesellschaft, für den städtebaulichen Umgang mit inneren Stadträndern und für eine umweltverträgliche, nachhaltige Stadtentwicklung. Durch zahlreiche Projekte soll das Modell einer klimaverträglichen Metropole entwickelt werden. Das passt ausgezeichnet zum Thema der igs 2013.



F: Sie haben in der  internationalen gartenschau hamburg 2013 gmbh ein kompetentes Team um sich versammelt. Kann man sich denn als Bürger noch einbringen?

HB: Man kann sich nicht nur einbringen, wir suchen sogar aktiv das Gespräch mit den Bürgern. Zukunftsfähige Freiräume und Parks müssen mehr denn je die Interessen und Bedürfnisse der Anwohner berücksichtigen, wenn sie Akzeptanz finden wollen. Aktuelle Trends in den Städten spielen dabei eine besondere Rolle. So ist der Anstieg der Single-Haushalte in den Städten (in Hamburg heute ca. 50% aller Haushalte) nicht unerheblich. Und auch der Anteil der älteren Menschen in der Stadt steigt kontinuierlich. Darüber hinaus gibt es eine deutliche Tendenz zu einer internationalen und interkulturellen Stadtbevölkerung – unsere Städte erfahren heute eine Zuwanderung insbesondere aus dem Ausland. Aber auch das Freizeitverhalten in den Parks und Freiräumen ändert sich kontinuierlich mit zunehmenden Schwerpunkten in den Bereichen Spiel, Sport, Spaß, Bewegung, Fitness. Wie wir durch den engen Kontakt zur Bevölkerung wissen, ist außerdem ein gesteigertes kulturelles Angebot in Parks und Freiräumen der Stadt gefragt. Hier bieten sich oft Ansätze für ein Engagement von Verbänden, Vereinen und andern Organisationen gemeinsam mit der igs 2013.

F: Wie ist denn die Resonanz bisher gewesen?

HB: Der internationale Wettbewerb für den neuen Volkspark des 21. Jahrhunderts bzw. die neue „Grüne Mitte“ der Insel wurde von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Stadtteil bereits aktiv begleitet, aber das Projekt ist damit noch nicht abgeschlossen. Nicht zuletzt bieten auch Aktionen wie „Sommer im Park“, die Beteiligungsgremien von igs 2013 und IBA sowie unsere Sprechstunden zum Beispiel für die Gartenfreunde den Hamburger Bürgern und Vereinen die Gelegenheit, sich aktiv mit zu beteiligen.

F: Das Konzept klingt wirklich anspruchsvoll und spannend. Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit dem Projekt, Herr Baumgarten.